Vorlage der Rede von Ali Bas anlässlich der Eröffnung der Geschäftsstelle des Avicenna-Studienwerkes. 6. Mai 2014

 

Es gilt das gesprochene Wort.

 

„Muslime, Förderwerke und gesellschaftliche Anerkennung“

 

Sehr geehrter Prof. Dr. Uḉar,

Sehr geehrter Prof. Dr. Lücke,

Sehr geehrter Herr Griesert,

Sehr geehrter Dr. Luther,

Sehr geehrte Frau Schu,

Sehr geehrte Vertreterinnen und Vertreter der muslimischen Organisationen, der Begabtenförderungswerke, der Wissenschaft, Gesellschaft und der Medien,

Sehr geehrte Damen und Herren,

 

Wir sind heute hier in Osnabrück zusammengekommen, um die Eröffnung der Geschäftsstelle des Avicenna-Begabtenförderungswerks zu feiern. Geschäftsstelle klingt auf den ersten Blick ein wenig unspektakulär. Aber es ist nicht irgendeine Geschäftsstelle, sondern die Geschäftsstelle des ersten muslimischen Begabtenförderungswerkes in Deutschland, dem jüngsten von insgesamt 13 Begabtenförderungswerken insgesamt.

Als im Sommer vergangenen Jahres das Avicenna-Begabtenförderungswerk nach einer intensiven Vorbereitungsphase durch den Bund offiziell als solches anerkannt wurde, habe ich mich sehr gefreut. In den Medien lief diese wichtige Meldung fast unauffällig im Hintergrund, als ob nichts Besonderes geschehen sei. Auch die Politiker fast aller Couleur waren sich darin einig, dass das erste muslimische Begabtenförderungswerk ein Meilenstein in unserem Land ist.

Ich kann Ihnen versichern, dass ich als gesellschafts- und bildungspolitisch affiner Muslim diese Unaufgeregtheit als unheimlich wohltuend empfunden habe, wie übrigens viele weitere Menschen muslimischen Glaubens in unserem Land. Das ist wahrlich ein besonderes Ereignis!

Als mich vor einigen Wochen der Avicenna-Geschäftsführer Herr Tosuner gebeten hat, für die heutige Eröffnung meine Gedanken zum Thema „Muslime, Förderwerke und Anerkennung“ in diese Rede einfließen zu lassen, habe ich nicht lange gezögert.

Schätzungsweise 4 Millionen Menschen in Deutschland gehören einer der Konfessionen des Islam an, manche von ihnen praktizieren ihren Glauben, manche gelegentlich, andere gar nicht. Fast alle aber sehen sich als Muslime, denn das ist Teil ihrer Identität, auch meiner.

Muslime gibt es in Deutschland nicht erst seit der Ankunft der ersten Gastarbeiterinnen und Gastarbeiter aus der Türkei, aus Bosnien oder Marokko. Die Geschichte der Muslime auf deutschen Boden reicht bis ins 17. Jahrhundert zurück.

Wer schon mal auf dem muslimischen Friedhof an der Berliner Sehitlik Moschee war, wird diese ältesten Spuren muslimischen Lebens in Deutschland in den osmanisch-arabischen Grabinschriften der osmanischen Botschafter am königlich preußischen Hofe wiederfinden.

Wir machen nun einen größeren Zeitsprung in die jüngere Vergangenheit.

Mit der Ankunft der ersten Gastarbeiter aus der Türkei im Jahre 1961 und dem verstärkten Familiennachzug nach dem Anwerbestopp im Jahre 1973 wurden Muslime in Deutschland erstmals als große Bevölkerungsgruppe wahrgenommen. Dass sie viele Jahre lang ihre Gebete eher in Hinterhofmoscheen verrichteten, fiel der großen Mehrheit hierzulande kaum auf. Damals glaubten beide Seiten an eine Rückkehr in die Heimat. Dass Deutschland für den großen Teil der eingewanderten bzw. hier geborenen Musliminnen und Muslime zur Heimat wird, wollte damals kaum einer wahr haben.

Wer sich heimisch fühlt, der verlässt sein Provisorium und schlägt neue Wurzeln. So ist die ehemalige Gastarbeiterreligion, der Islam, in den vergangenen Jahrzehnten aus dem Hinterhof weg gezogen, hinein in die Öffentlichkeit und wurde zunehmend sichtbarer, sei es durch den Bau von Moscheen, dem selbstbewussten Tragen von Köpftüchern oder dem Errichten erster muslimischer Friedhöfe.  Der Islam ist ein Teil Deutschlands geworden. Für immer mehr Muslime ist Deutschland ein Teil ihrer Identität geworden.

Nicht überall stößt diese Sichtbarkeit auf Gegenliebe, noch heute stoßen Muslime in Teilen der Bevölkerung auf Ablehnung, u.a. beeinflusst durch die gesellschaftliche Debatte nach dem 11. September 2001, in der der Islam als Bedrohung für Freiheit und Demokratie betrachtet wird.

Das Phänomen des antimuslimischen Rassismus macht nicht nur in rechtsextremen Kreisen seine Runde, manche Politiker verdienen damit heutzutage mehr Geld als in ihrer ganzen Karriere zuvor.  Auch verlaufen die Diskussionen um den Islam oft alles andere als fair, wie es uns manche TV-Talkshow gelegentlich eindrucksvoll präsentiert.

Aber es gibt auch positive Entwicklungen, wie uns die jüngsten Beispiele zeigen. So haben wir seit kurzem in mehreren Bundesländern den islamischen Religionsunterricht in deutscher Sprache, die ersten islamisch-theologischen Ausbildungsstätten an den Universitäten.

Auch laufen in den Bundesländern Prozesse zur Anerkennung islamischer Religionsgemeinschaften. Der demografische Wandel bringt auch Themen wie Pflege und Gesundheit auf die Agenda der muslimischen Community, Stichwort Wohlfahrtspflege und Gründung von Wohlfahrtsverbänden.

Ich erlebe derzeit eine junge Generation von Muslimen, die sich sehr intensiv mit diesen vielen Fragen auseinandersetzt, sei es im politischen Raum, in der Kunst, in der Wissenschaft oder in ihrer Gemeinde.

Viele kämpfen sich durch die 36 Kammern der 16 deutschen Bildungssysteme, in der wir als Politik trotz vieler Reformen für mehr Bildungsgerechtigkeit noch immer einiges zu tun haben. Diesem Wunsch nach Auseinandersetzung muss gesellschaftlich entsprochen werden, denn darin sehe ich viele Chancen für die Zukunft.

Genau hier kommt ein Begabtenförderungswerk für junge Musliminnen und Muslime wie gerufen. Hierbei geht es nicht bloß um eine materielle Förderung für junge Menschen mit Spitzennoten. Soweit ich das in den Interviews mit der Avicenna-Geschäftsführung gelesen habe, kommt es viel mehr auf das Gesamtbild des zu Fördernden an, was mehr ist als nur eine Note auf einem Abiturzeugnis. Dieses Vorgehen kann ich als ausgebildeter Lehrer mit langjähriger Erfahrung am Berufskolleg und Gymansium nur vollstens unterstützen.

Ich kann alle Beteiligten des Avicenna-Begabtenförderwerks nur dazu aufrufen, diese jungen Menschen in ihrer Entwicklung zu einem mündigen und engagierten Teil unserer Gesellschaft zu stärken.

Das Avicenna-Begabtenförderwerk wird eine wichtige Säule für das Empowerment von jungen Muslimen sein, aber auch ein starkes Signal der Anerkennung für die muslimische Community generell, was letztlich der gesamten Gesellschaft zugute kommen wird.

Ich möchte zum Schluss allen danken, die Avicenna möglich gemacht haben und wünsche Ihnen allen nicht nur viele Bewerbungen für die zu vergebenen Stipendien, sondern auch viel Erfolg und natürlich auch Gottes Segen!

 

Vielen Dank für Ihre Aufmerksakeit!